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KI und Trauer: Wenn Verstorbene wieder sprechen

KI und Trauer. Wenn die Toten wieder sprechen. Wallfahrtskirche Maria Strassengel
KI lässt Verstorbene wieder sprechen. Ein letzter Trost oder eine Grenzüberschreitung? Gedanken über Trauer, Erinnerung und die Frage, wie weit wir gehen wollen.

Allerheiligen – eine ruhige Zeit im Jahr.

Der Sommer hat sich endgültig verabschiedet, der Herbst hat die Blätter bunt gefärbt, am Morgen begrüßt der Nebel den Tag und es beginnt, nach Winter zu riechen.

Allerheiligen. Ein Tag, an dem wir der Menschen gedenken, die nicht mehr bei uns sind.

Doch wie wird dieses Gedenken in Zukunft aussehen? In einer Zeit, in der uns Künstliche Intelligenz zunehmend begleitet – inzwischen sogar über den Tod hinaus.

Zeit sich dem Thema KI und Trauer behutsam zu nähern.

Vom Grabstein zum Gespräch

Wenn ein Mensch geht, bleiben uns in erster Linie Erinnerungen.

Schon früh haben wir begonnen, diesen Erinnerungen einen Raum zu schaffen. 
Die alten Ägypter haben Pyramiden gebaut, unsere Vorfahren haben ihre Toten in Grabhügeln bestattet und bis heute betten wir unsere Verstorbenen in Gräbern, Gruften oder Katakomben zur letzten Ruhe.

Lange Zeit waren es solche Orte, persönliche Gegenstände und die Erzählungen über die Verstorbenen, die uns geholfen haben, der Menschen zu gedenken, die uns einst lieb waren.

Doch mit den Jahrhunderten haben sich unsere Möglichkeiten verändert, wie wir Erinnerungen bewahren können.

Zu Bildern und Briefen kamen Fotografien, später dann Tonaufnahmen und Videos.
Plötzlich war es nicht mehr nur möglich, Menschen vor unserem geistigen Auge zu sehen, sondern auch ihre Stimmen wieder zu hören, ihre Bewegungen zu beobachten und ihre Eigenheiten wieder zu erleben.

Menschen, die nicht mehr unter uns waren, waren trotzdem noch gegenwärtig.

Mit jeder neuen Technologie haben unsere Erinnerungen eine weitere Form bekommen.

Da erscheint es fast wie der nächste logische Schritt, dass wir uns der Hilfe von Künstlicher Intelligenz bedienen, um Erinnerungen noch lebendiger werden zu lassen.

Mithilfe von KI können wir die Stimmen der Verstorbenen nachbilden, Fotos zum Sprechen bringen und sogar neue Aussagen erzeugen, die so klingen, als kämen sie von der Person, die wir verloren haben. Wir können mit den digitalen Abbildern sogar in einen Dialog treten. Mit ihnen lachen, ihnen unsere Sorgen und Nöte erzählen, sie um Rat bitten, Fragen stellen.

Und wir bekommen Antworten.

Wer hat hier eigentlich das letzte Wort?

Und manchmal erreichen uns ihre Worte sogar noch nach ihrem Tod.

Zum Beispiel bei ihrer eigenen Beerdigung.

Das Grazer Start-up Lebensstimmen will genau das möglich möglich. Menschen können schon zu Lebzeiten ihre eigene Abschiedsbotschaft gestalten. Mithilfe von KI wird diese dann bei ihrer Trauerfeier in ihrer eigenen Stimme und auf Wunsch sogar mit ihrem digitalen Abbild wiedergegeben.

Wer seine Trauerrede lieber jemand anderem überlassen möchte, kann dafür einen KI-Avatar engagieren. Zur Auswahl steht unter anderem der Wiener Dompfarrer Toni Faber – beziehungsweise sein digitales Alter Ego, der „Fabertar“.

Das Unternehmen betont ausdrücklich, dass für die Nachbildung persönlicher Stimmen und Abbilder die Einwilligung der betroffenen Personen zu Lebzeiten erforderlich ist und KI-generierte Inhalte gekennzeichnet werden.

So weit, so technisch, so nachvollziehbar.

Schließlich ist es eine sehr persönliche Entscheidung, wie wir uns von unseren Liebsten verabschieden möchten. Und warum sollte das nicht auch für den eigenen Abschied von dieser Welt gelten?

Damit eröffnen sich für Menschen völlig neue Möglichkeiten, mit dem Ende ihres Lebens umzugehen und den Abschied schon zu Lebzeiten zu gestalten.
Sie können noch einmal Danke sagen, persönliche Gedanken hinterlassen, etwas aussprechen, wofür bisher die Gelegenheit gefehlt hat – oder aber mit den Hinterbliebenen abrechnen.

Aber was ist mit denen, die zurückbleiben?
Die vielleicht gerade versuchen, einen Verlust zu begreifen und plötzlich noch einmal die Stimme der verstorbenen Person hören – sie womöglich sogar vor sich sehen.
Ist das für sie ein letzter, tröstlicher Gruß?
Oder vielleicht eine Begegnung, auf die sie gar nicht vorbereitet sind? Und die ihnen im schlimmsten Fall sogar den Boden unter den Füßen wegzieht?

Wenn Tote nicht gefragt werden

Manchmal antworten die Toten auch…

Christopher Pelkey wurde erschossen.

Doch auch danach durfte er nicht zur Ruhe kommen.

Der Mann, der ihn getötet hatte, stand vor Gericht. 
Es ging um die Strafzumessung.

Und plötzlich sprach Pelkey selbst zu den Anwesenden im Gerichtssaal.

Seine Familie wollte ihm damit noch einmal eine Stimme geben.

Doch anders als bei Lebensstimmen hatte Pelkey diese Botschaft nicht vor seinem Tod selbst verfasst. Wie hätte er auch können?

Seine Schwester hatte die Rede geschrieben…
… und dem digitalen Abbild ihres Bruders in den Mund gelegt.

Der Richter war beeindruckt.
Er lobte das KI-Video und bezeichnete die darin zum Ausdruck gebrachte Vergebung als glaubwürdig.

Er ließ sich dadurch beeinflussen.

Denn später hob ein Berufungsgericht die verhängte Haftstrafe auf.
Nicht die Verurteilung – aber die Strafzumessung.
Das KI-generierte Video hatte nach Ansicht des Gerichts das Verfahren grundlegend unfair gemacht.

Das wirft Fragen auf.

Wie weit dürfen Hinterbliebene gehen, um einem verstorbenen Menschen noch einmal eine Stimme zu geben?

Wer schützt die Persönlichkeit eines Menschen, der selbst nicht mehr widersprechen kann?

Und ab wann wird aus einem liebevollen Wunsch, jemanden sprechen zu lassen, eine Aussage, die dieser Mensch so vielleicht niemals getroffen hätte?

Ein Gespräch, das niemals endet

Und manchmal wird aus der Antwort ein Dialog.

Als ihr bester Freund Roman Mazurenko bei einem Verkehrsunfall starb, war Eugenia Kuyda von der Trauer überwältigt.

Immer wieder las sie seine Nachrichten.

Sie hatte so viele Fragen.

Sie wollte ihm noch so vieles erzählen.

Eines Tages beschloss sie, seine unzähligen Textnachrichten in eine KI einzuspeisen, in der Hoffnung, Roman damit wieder ein kleines Stückchen näher zu sein.

Und es gelang.
Sie konnte Fragen stellen.
Die KI antwortete. Oft so wie Roman es vielleicht getan hatte.
Sie konnte erzählen.
Die KI war da. Ein digitales Abbild von Roman.
Es entspann sich ein Dialog, wie er hätte sein können.

Eugenia wurde bewusst, dass es nicht nur ihr so gehen musste.
Dass es viele Menschen gab, die einen geliebten Menschen verloren hatten.
Oder die einsam waren und sich jemanden wünschten, mit dem sie sprechen konnten.
Also entwickelte sie eine Idee.
Und aus dieser Idee wurde Replika – eine KI-Begleiter-App.

Replika ist heute nicht speziell darauf ausgelegt, verstorbene Menschen zu simulieren. 
Aber ihre Entstehungsgeschichte ist eng mit dem Wunsch verbunden, einen geliebten Menschen nicht ganz loslassen zu müssen.

Es gibt längst weitere Entwicklungen in diese Richtung.

Sogenannte Deadbots, auch Griefbots genannt.
KI-Systeme, die anhand digitaler Hinterlassenschaften Gespräche mit Verstorbenen simulieren.

Aber was bedeutet das für uns?

Wie gehen wir mit unserer Trauer um, wenn der verstorbene Mensch scheinbar immer da ist, um mit uns zu sprechen?

Kann ein solcher Deadbot uns helfen, den Verlust zu verarbeiten?

Oder erschwert er uns, Abschied zu nehmen, weil er uns das Gefühl vermittelt, die verstorbene Person sei immer noch anwesend?

Nicht alles, was möglich ist

Doch wollen wir immer Antworten?

Für mich sind Allerheiligen und das Totengedenken etwas sehr Persönliches. Bis hin zu etwas Intimem.

Trauer ist ein Thema, das viele Menschen betrifft, aber nur wenige etwas angeht.

Und die Art, wie Menschen mit Trauer umgehen, ist so vielfältig wie die Trauernden selbst.

Für die eine Person kann eine Trauerrede, geschrieben von einem geliebten Verstorbenen und gehalten vom „Fabertar“, ein würdiger Abschluss sein. 
Für die andere ist es eine Grenzüberschreitung. Vielleicht sogar eine enorme Belastung.

Ich maße mir nicht an, darüber ein Urteil zu fällen. 
Jede Person muss für sich selbst entscheiden, wie sie mit Trauer umgeht und welche Möglichkeiten ihr bei der Bewältigung helfen.

Aber ich stelle mir die Frage, wer nach meinem Tod entscheidet, was mit meinem digitalen Abbild geschieht.

Und zwar nicht nur aus technischer oder rechtlicher Perspektive, sondern auch unter zutiefst ethischen Gesichtspunkten.

Was, wenn ich zu Lebzeiten keine Entscheidung darüber getroffen habe?
Wer darf dann meine Stimme verwenden, mein Gesicht zum Sprechen bringen oder in meinem Namen Antworten geben?

Und wer entscheidet, wo meine Persönlichkeit endet und die Vorstellung anderer davon beginnt, wer ich einmal war?

Ich habe darauf keine Antwort.

Auch die Frage, was diese Entwicklungen für unsere Trauerarbeit bedeuten, lässt mich nicht los.

Können digitale Abbilder Verstorbener tatsächlich helfen, einen Verlust zu verarbeiten?
Oder erschweren sie uns möglicherweise das Abschiednehmen?

Ich glaube, dass Menschen sehr unterschiedlich auf solche Möglichkeiten reagieren werden. 
Was für den einen Trost bedeutet, kann für andere belastend sein.

Und ich denke, wir sollten uns davor hüten, irgendjemandem vorzuschreiben, wie richtige Trauer auszusehen hat.

Ein weiterer Aspekt beschäftigt mich allerdings ebenso.

Mit Sterben, Tod und Trauer wurde schon immer Geld verdient. 
Und nicht immer auf besonders würdevolle Weise.

Man denke nur an den Ablasshandel im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit.
Menschen zahlten Geld, um nach damaligen religiösen Vorstellungen die Zeit ihrer verstorbenen Angehörigen im Fegefeuer zu verkürzen.

Mit der Hoffnung der Menschen hat sich schon damals gutes Geld verdienen lassen.

Heute geht es nicht mehr um Ablassbriefe mehr sondern um digitale Dienstleistungen. 
Und durch die Möglichkeiten der KI entstehen immer neue Geschäftsmodelle rund um Erinnerungen, Abschied und das vermeintliche Weiterleben Verstorbener.

Das muss nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein. 
Aber gerade bei Menschen, die sich in einer emotional besonders verletzlichen Situation befinden, sollten wir genau hinschauen.

Und schließlich bleibt eine Frage, die mich im Zusammenhang mit KI so und so immer beschäftigt. Bei der Recherche zu diesem Artikel aber noch viel mehr:

Müssen wir jede technische Möglichkeit nutzen, nur weil sie da ist?

Ich sage: Nein.

Und das sage ausgerechnet ich, die gerne neue Technologien ausprobiert, mit KI experimentiert und ihre Möglichkeiten auslotet.

Aber irgendwo gibt es auch für mich eine Grenze.

Ich möchte mit einem verstorbenen Menschen nicht über einen KI-Avatar sprechen.
Ich möchte nicht, dass eine Maschine mir Antworten gibt, von denen sie annimmt, dass dieser Mensch sie gegeben hätte.
Ich möchte nicht, dass unsere Beziehung zu reiner Statistik degradiert wird.

Ich möchte mich erinnern dürfen.
An gemeinsame Erlebnisse, an Gespräche, an schöne und auch an schwierige Momente.

Vielleicht verändert KI in Zukunft nicht nur, wie wir uns an Verstorbene erinnern.
Sondern auch, was wir unter Abschiednehmen verstehen.

Aber ob wir diese Möglichkeiten nutzen möchten, sollte verdammt nochmal eine zutiefst menschliche und persönliche Entscheidung bleiben.

Eva Jaritz

Was soll von uns bleiben?

Wir entscheiden zu Lebzeiten über vieles.
Aber haben wir schon einmal darüber nachgedacht, was nach unserem Tod mit unseren digitalen Spuren geschehen soll?

wer darf unsere Stimme verwenden, unsere Bilder zum Sprechen bringen oder in unserem Namen antworten?

Vielleicht ist es an der Zeit, auch darüber mit den Menschen zu sprechen, die uns nahestehen.

Eva Jaritz

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