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KI-Kompetenz ist mehr als Prompting

Eva Jaritz und Michael Reinelt im Gespräch über KI und den EU AI Act
Prompting-Kurs, Zertifikat, verpflichtende Einheits-Schulung? Rund um KI-Kompetenz wird gerade einiges einfacher dargestellt, als es ist. Zeit, sich einmal genauer damit zu beschäftigen, was der AI Act mit KI-Kompetenz wirklich meint - und was Mitarbeitende dafür können müssen.

Der AI Act verlangt KI-Kompetenz.

Dann schicken wir halt alle Mitarbeitenden in einen Prompting-Kurs und lassen sie dann ein bisschen mit ChatGPT herumspielen.

Haken drunter.
Fertig.

Oder auch nicht.

Ein guter Prompt ist praktisch.

Aber er hilft halt herzlich wenig, wenn die KI gerade überzeugend klingenden Blödsinn verzapft und keiner checkt’s. 

Oder wenn vertrauliche Daten im Prompt landen. 

Oder wenn plötzlich alles mit KI gemacht werden soll, nur weil man sie hat. Frei nach dem Motto: Wenn ich einen Hammer habe, ist jedes Problem ein Nagel.

Und dann gibt’s da noch dieses kleine Detail, das bei der ganzen Prompting-Debatte gerne übersehen wird:

KI ist nicht nur ChatGPT.

Nicht jede KI ist ein Sprachmodell.
Nicht jede KI wird gepromptet.

Trotzdem müssen die Menschen, die damit arbeiten, wissen, was sie da tun.

Prompting ist also ein Teil davon. Mehr nicht.

Was verlangt der AI Act bei KI-Kompetenz eigentlich?

Jetzt wird es leider etwas trocken, aber ein bisschen Buzzword-Bingo muss eben sein:

Der AI Act spricht von KI-Kompetenz bzw. AI Literacy.

Gemeint ist damit auf keinen Fall, dass jetzt alle Mitarbeitenden zu KI-Expert:innen werden müssen.

Wenn Sie zuerst wissen wollen, was der AI Act für kleine Unternehmen grundsätzlich verlangt – und was nicht -, dann starten Sie am besten mit Teil 1 dieser Reihe.

Art. 4 des EU AI Acts verlangt, dass Unternehmen Maßnahmen ergreifen, „um die Entwicklung der KI-Kompetenz ihres Personals und anderer Personen zu unterstützen, die in ihrem Auftrag mit dem Betrieb und der Nutzung von KI-Systemen befasst sind, wobei ihre technischen Kenntnisse, ihre Erfahrung, ihre Aus- und Fortbildung und der Kontext, in dem die KI-Systeme eingesetzt werden sollen, […] zu berücksichtigen sind.

Art. 4 verlangt außerdem, den konkreten Einsatzkontext und die Personen zu berücksichtigen, bei denen die KI eingesetzt wird. Ein bestimmtes Niveau an KI-Kompetenz muss für einzelne Personen ausdrücklich nicht garantiert werden.

Was heißt das jetzt übersetzt?

Nicht alle müssen dasselbe können.
Und sie müssen es auch nicht alle auf dieselbe Art lernen.

Der AI Act schreibt weder eine bestimmte Schulungsform noch einen fixen Lehrplan und schon gar kein Zertifikat vor. 

Ein paar brauchbare Fragen zur Orientierung gibt es allerdings:

  • Welche KI wird genutzt?
  • Welche Chancen und Risiken hat sie?
  • Was müssen die Menschen wissen, die mit dieser KI arbeiten?
  • Welches Vorwissen bringen diese Menschen schon mit?

Und bevor wir KI jetzt wieder auf ChatGPT, Copilot und Claude reduzieren:

KI ist viel mehr als nur generative KI.

Sprachmodelle sind nur ein kleiner Teil.
KI kann zum Beispiel Muster erkennen, Prognosen erstellen, Inhalte erzeugen, Empfehlungen geben, Fahrzeuge autonom steuern oder Entscheidungen unterstützen.

Und spätestens da wird klar: Ein Prompting-Kurs allein reicht halt einfach nicht.

Dann machen wir halt einen Prompting-Kurs

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: 

Prompting ist wichtig.

Wenn ich einem Sprachmodell nicht sagen kann, was ich von ihm will, darf ich mich auch nicht wundern, wenn am Ende nur irgendein Topfen herauskommt.

Aber ein perfekter Prompt macht noch lange keine KI-Kompetenz.

Schauen wir uns das an einem einfachen Beispiel an:

Ein Mitarbeiter lässt sich von ChatGPT eine Auswertung zusammenfassen. Der Prompt ist großartig: Kontext drin, Ziel klar, Format definiert.

Und das Ergebnis liest sich auch richtig gut.

Ist halt dann blöd, wenn die KI dabei zwei Zahlen vertauscht und eine Schlussfolgerung dazuerfindet – und niemandem fällt es auf.

Dann kann der Prompt noch so perfekt gewesen sein – das Ergebnis ist trotzdem falsch.

Hilft halt auch nichts, wenn jemand perfekt prompten kann, aber vertrauliche Geschäftsdaten ins KI-Tool kippt. Oder wenn er gar nicht auf die Idee kommt, sich zu fragen, ob KI für diese Aufgabe überhaupt ein sinnvolles Werkzeug ist.

Prompting hilft dabei, mit einem Sprachmodell zu kommunizieren.
… ist halt nur ein kleiner Teil von KI-Kompetenz.

Prompting ist ein kleiner Teil von KI-Kompetenz und eingebettet in den sinnvollen Einsatz von KI

Was sollten Mitarbeitende tatsächlich können?

Wenn aber Prompting nur ein kleiner Teil ist, was gehört dann eigentlich noch alles dazu?

Aus meiner Sicht sind das vor allem ein paar ziemlich banale Dinge:

Verstehen, womit man arbeitet

Die Mitarbeitenden müssen keine neuronalen Netze erklären können – genauso wenig, wie ich fürs Autofahren jeden Teil des Motors kennen muss.

Aber sie sollten wissen, dass KI nicht einfach „weiß“, sondern Muster verarbeitet und Ergebnisse erzeugt, die verdammt überzeugend klingen können – auch wenn sie noch so falsch sind.

Einschätzen, wofür KI sinnvoll ist

Nicht jede Lösung wird automatisch besser, nur weil „Made by KI“ draufsteht.

Manche Dinge gehen schneller.
Manche Dinge werden besser.
Und manche Dinge werden einfach nur komplizierter.

Mit Daten vernünftig umgehen

Welche Daten dürfen ins Tool?
Welche Daten sollten besser nicht hinein?

Gerade bei personenbezogenen Daten, vertraulichen Geschäftsinformationen oder Kundendaten sollte man nicht erst danach drüber nachdenken.

Risiken und Grenzen erkennen

Halluzinationen, Bias, veraltete Informationen, fehlender Kontext – es gibt genug Wege, wie eine KI einem selbstbewusst völligen Unsinn servieren kann.

Verantwortung behalten

Am Ende muss klar sein, wer entscheidet.

„Das hat die KI so gesagt“ zieht als Ausrede halt nicht.

Das ist für mich KI-Kompetenz in der Praxis.

Weder glamourös noch sexy – aber verdammt nützlich.

Nicht jede:r muss dasselbe wissen

Jetzt kommt der Teil, der im Unternehmen praktisch ist:

Nicht jede Person braucht dieselbe KI-Kompetenz.

Eine Mitarbeiterin in der Produktion muss wahrscheinlich überhaupt nicht wissen, wie man einen guten Prompt schreibt. 

Wenn sie aber an einer Maschine arbeitet, die mithilfe von KI Fehler erkennt, Wartungsbedarf voraussagt oder Einstellungen empfiehlt, braucht sie sehr wohl KI-Kompetenz. 

Nur eben eine, die zu dieser Arbeit passt.

Im Marketing schaut die Sache ganz anders aus.

Wer mit Canva Social-Media-Strecken vorbereitet oder mit Copilot Texte entwickelt, muss wieder andere Risiken kennen und andere Dinge beurteilen können.

In der Personalabteilung wird es nochmal sensibler, sobald KI im Zusammenhang mit Bewerbungen eingesetzt wird.

Und die Geschäftsführung?

Die hat vielleicht selbst kaum direkt mit KI zu tun.

Sie sollte aber trotzdem wissen, wo sie im Unternehmen eingesetzt wird, wofür sie genutzt wird und welche Risiken damit verbunden sind.

Eine Einheits-Schulung für alle ist zwar praktisch zum Haken-drunter-Setzen, bringt in der Realität aber nicht besonders viel.

Sie sind solo-selbstständig?

Tja…

Dann sind Sie wahrscheinlich Marketingabteilung, IT, Geschäftsführung, Einkauf und die Person, die den Drucker wieder zum Laufen bringt, in Personalunion.

Heißt:

Sie müssen von allem genug wissen – aber nicht von allem gleich viel.

Entscheidend ist, dass Sie für die KI, mit der Sie tatsächlich arbeiten, genug wissen, um damit vernünftig umzugehen.

Was muss ein kleines Unternehmen jetzt konkret tun?

Gut, jetzt haben wir also geklärt, dass nicht alle dasselbe wissen müssen.

Aber: Was machen Sie jetzt damit?

Bitte nicht gleich anfangen, mit ChatGPT einen Schulungskatalog zu entwickeln.

Schauen Sie zuerst einmal genau hin, was bei Ihnen überhaupt passiert:

  • Welche KI wird genutzt?
  • Wer verwendet sie?
  • Wofür?
  • Was müssen genau diese Leute dafür wissen?

Und erst danach beschäftigen Sie sich damit, wie Sie diese Kompetenz aufbauen.

Das können völlig unterschiedliche Maßnahmen sein:
Ein externer Workshop.
Eine kurze interne Einführung.
Ein paar klare Regeln.
Regelmäßiger Austausch.
Eine Kombination daraus.
Oder bei bestimmten Mitarbeitenden auch einmal etwas Tiefergehendes.

Wichtig ist nur, dass es zum echten Einsatz passt.

Wenn zum Schluss ChatGPT für sieben Mitarbeitende ein 42-seitiges Schulungskonzept ausspuckt, nur weil irgendwo „AI Act“ draufsteht, sind Sie wahrscheinlich etwas übers Ziel hinausgeschossen.

Und bitte nicht größer machen, als es sein muss.
Für ein kleines Unternehmen darf die Lösung auch klein sein.
Am Ende muss sie einfach zu Ihrem Unternehmen passen.

Und noch was:

Dokumentieren würde ich die Maßnahmen aber trotzdem.

Nicht nur fürs gute Gefühl.

Sondern damit Sie später noch wissen, was Sie eigentlich gemacht haben und wo es noch Lücken gibt.

Das Zertifikat an der Wand schaut sicher nett aus.

Aber KI-Kompetenz entsteht halt nicht dadurch, dass irgendwo „Teilgenommen“ draufsteht.

Warum Sie das nicht nur wegen des AI Acts machen sollten

Wenn Sie jetzt also sowieso Zeit und Ressourcen in KI-Kompetenz investieren, dann hoffentlich nicht nur, damit irgendwo ein Hakerl gemacht werden kann. Viel spannender ist es doch, ob Ihre Mitarbeitenden KI so einsetzen können, dass sie ihnen bei der Arbeit wirklich was bringt.

Wenn jemand weiß, welches Tool für welche Aufgabe passt, worauf man bei den Ergebnissen achten muss und wo KI wirklich Arbeit abnehmen kann, dann ist das für ein Unternehmen ganz konkret nützlich.

Und wenn daraus mit der Zeit ein selbstverständlicher Umgang mit KI wird, umso besser. Denn genau dafür lohnt sich der Aufwand auch wirklich.

Fazit: Ein guter Prompt reicht halt nicht

KI-Kompetenz heißt nicht, dass alle Mitarbeitenden dieselbe Schulung brauchen oder jedes KI-Tool im Unternehmen bis ins letzte Detail verstehen müssen. Entscheidend ist, dass sie für die KI, mit der sie tatsächlich arbeiten, genug wissen.

Prompting kann ein Teil davon sein. Genauso wichtig sind aber der Umgang mit Daten, das Einschätzen von Ergebnissen, das Erkennen von Risiken und die Frage, wann KI überhaupt Sinn macht.

Für kleine Unternehmen muss daraus kein Monster-Projekt werden.

Erst schauen, was wirklich genutzt wird.
Dann überlegen, wer was wissen muss.
Und die Maßnahmen danach auswählen.

Mehr braucht es für den Anfang oft gar nicht.

Quellen & weiterführende Informationen

EU AI Act: Verordnung (EU) 2024/1689
Konsolidierte Fassung des AI Acts auf EUR-Lex, einschließlich der aktuellen Fassung von Art. 4 zur KI-Kompetenz. (Stand: 13.09.2026).

Europäische Kommission: KI-Kompetenz / Art. 4
Fragen und Antworten zu KI-Kompetenz, Schulungen, Dokumentation, Zertifikaten und Governance-Strukturen (Stand: 13.09.2026).

Europäische Kommission: Repositorium für KI-Kompetenz
Sammlung konkreter Beispiele und Initiativen zur Förderung von AI Literacy in Unternehmen und Organisationen (Stand: 13.09.2026).

RTR KI-Servicestelle: KI-Kompetenz nach dem AI Act
Informationen zur KI-Kompetenz nach Art. 4, zu möglichen Maßnahmen im Unternehmen und zur aktuellen Rechtslage nach der Änderung durch den Digital-Omnibus (Stand: 13.09.2026).

Und jetzt?

Sie wissen jetzt, dass KI-Kompetenz mehr ist als Prompting und dass dafür nicht gleich ein 42-seitiges Schulungskonzept notwendig ist.

Wenn Sie das Thema für Ihr Unternehmen angehen wollen, können Sie genau dort anfangen, wo wir es im Artikel getan haben: Schauen Sie zuerst einmal hin, welche KI bei Ihnen wirklich genutzt wird und was Ihre Mitarbeitenden dafür wissen müssen.

Und wenn Sie beim Thema KI-Kompetenz noch ein bisschen Nachholbedarf sehen: Dafür gibt es unser KI-Bootcamp BASIS.

Vier Stunden KI verstehen, sinnvoll einsetzen und besser einschätzen können.

Ohne Prompting-Magie.
Und ziemlich sicher auch ohne 42-seitiges Schulungskonzept.

Im nächsten Teil der Reihe schauen wir uns an, was der AI Act für ein ganz normales kleines Unternehmen bedeutet, das ChatGPT, Copilot, Canva oder ein KI-Meetingtool nutzt, aber selbst keine KI entwickelt.

„Wir verwenden doch nur ChatGPT.“
Genau da machen wir weiter.

Eva Jaritz

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